Frauengesundheit im Fokus: Ein Interview mit Dr. med. Julia Graf, Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe
Dr. med. Julia Graf
8. März 2024
5 min
Am internationalen Frauentag möchten wir die Gesundheit von Frauen in den Fokus rücken. Dafür haben wir uns mit Dr. med. Julia Graf, einer erfahrenen Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe und Oberärztin in der Frauenklinik, ausgetauscht, um über verschiedene Aspekte der Frauengesundheit zu sprechen.
Dr. med. Julia Graf, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für dieses Interview nehmen. Können Sie uns einen Überblick über die wichtigsten Aspekte der Frauengesundheit geben, die Frauen jeden Alters im Auge behalten sollten?
Es ist wichtig, auf seinen Körper zu hören und Beschwerden ernst zu nehmen. Wir Frauenärztinnen und Frauenärzte sind eine geeignete erste Anlaufstelle für verschiedene Beschwerden und allgemeine medizinische Fragen. Dabei gehen wir auf die individuellen Bedürfnisse der Frauen ein.
Welche regelmässigen Vorsorgeuntersuchungen sollten Frauen durchführen lassen, insbesondere zur Vermeidung von gynäkologischen Erkrankungen?
In der Regel erfolgt eine erste Vorstellung bei der Frauenärztin oder beim Frauenarzt zur Besprechung der verschiedenen Verhütungsmethoden. Dies ist eine gute erste Möglichkeit, um auf einige frauenspezifische Gesundheitsaspekte hinzuweisen und für eine erste gynäkologische Untersuchung. Des Weiteren kann der Impfausweis auf die HPV (Humane Papillomaviren) Impfung überprüft werden. Falls diese bisher noch nicht erfolgt ist, kann sie noch nachgeholt werden.
Ab 21 Jahren wird ein regelmässiges Screening für die Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs empfohlen. Das Screening erfolgt mit einem Abstrich vom Gebärmutterhals und sollte bei unauffälligen Befunden alle drei Jahre durchgeführt werden. Dies ist eine sehr effektive Methode für die Früherkennung von Vorstufen von Gebärmutterhalskrebs. Keine andere Krebserkrankung kann durch eine Vorsorgeuntersuchung so effektiv verhindert werden wie Gebärmutterhalskrebs.
Im nächsten Lebensabschnitt tritt für einen Teil der Frauen das Thema Schwangerschaft in den Vordergrund. Hier ist es wichtig, dass bereits die Planung der Schwangerschaft mit uns besprochen wird, dies im Hinblick auf relevante Schutzimpfungen vor der Schwangerschaft und vor allem für den Beginn der Folsäure-Prophylaxe. Eine frühzeitige Folsäure-Prophylaxe (Folsäure 0,4mg 1x/d) mit Beginn mindestens 3 Monate vor Schwangerschaftseintritt reduziert signifikant das Risiko für eine Spina bifida. Mit einer gesunden Lebensweise kann eine gute Grundlage für das Eintreten eine Schwangerschaft und deren Verlauf geschaffen werden.
Ab 50 Jahren empfehlen wir das Mammografie-Screening für die Früherkennung von Brustkrebs. Dies sollte bis im Alter von 70 Jahren alle zwei Jahre durchgeführt werden – zusätzlich zur jährlichen Tastuntersuchung der Brust durch die Frauenärztin oder den Frauenarzt.
Insgesamt empfehlen wir eine jährliche Kontrolle bei der Frauenärztin oder beim Frauenarzt.
Welche gynäkologischen Symptome sollten ernst genommen werden und einen Besuch bei einer Frauenärztin oder einem Frauenarzt erfordern?
Je nach Alter sind es unterschiedliche Beschwerden. In der postmenopausalen Phase sollte eine Blutung sehr ernst genommen werden. Eine postmenopausale Blutung kann ein frühes Symptom für einen Gebärmutterkrebs sein. Deshalb lohnt es sich, eine postmenopausale Blutung frühzeitig mit einer Gebärmutterspiegelung und einer Curettage abzuklären.
Ein weiteres wichtiges gynäkologisches Symptom ist ein tastbarer Knoten in der Brust. Ein Tastbefund sollte ernst genommen und abgeklärt werden, unabhängig vom Alter. Zu den weiteren Abklärungen gehören eine Tastuntersuchung durch die Frauenärztin oder den Frauenarzt, eine Bildgebung mit Ultraschall und gegebenenfalls eine Mammografie. Je nach Befund erfolgt eine weitere Abklärung mit einer Stanzbiopsie.
Gibt es spezifische Gesundheitsprobleme, die Frauen häufiger betreffen als Männer?
Da möchte ich die Probleme rund um die Menstruation und den Zyklus hervorheben, die natürlich nur Frauen betreffen. Bei starken Menstruationsschmerzen und Schmerzen beim Geschlechtsverkehr kann auch eine Endometriose dahinterstecken. Es ist wichtig, starke Schmerzen bei der Menstruation nicht als normal anzusehen, sondern bei hohem Leidensdruck dies mit der Frauenärztin oder dem Frauenarzt zu besprechen. Wir sind gerne für Sie da, wenn Sie uns brauchen.
Gibt es abschliessend noch weitere wichtige Ratschläge oder Empfehlungen, die Sie unseren Leserinnen mit auf den Weg geben möchten?
Eine gesunde Lebensweise mit genügend Schlaf, ausreichender körperlicher Betätigung und gesunder Ernährung ist jeder Frau zu empfehlen. Und auf das Rauchen sollte natürlich verzichtet werden.
Die Frauengesundheit ist ein wichtiges Thema, das mehr Aufmerksamkeit und Unterstützung verdient. Durch Prävention, Bildung und Empowerment können Frauen ihre Gesundheit proaktiv verbessern und ein erfülltes Leben führen. Wir danken Dr. med. Julia Graf für ihre wertvollen Einblicke und hoffen, dass dieses Interview ein Stück dazu beiträgt, das Bewusstsein für Frauengesundheit zu stärken. Wir von der Frauenklinik sind gerne für Sie da, wenn Sie uns brauchen oder Fragen haben. Happy Weltfrauentag!
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