Wenn Körper und Geist Alarm schlagen: Burnout erkennen und vorbeugen
Dr. med. Ruedi Schweizer
24. August 2026
6 min
Burnout ist mehr als nur Müdigkeit nach stressigen Tagen. Es ist ein ernstzunehmender Zustand, der Körper und Psyche gleichermassen betrifft und langfristige Folgen haben kann. Im Gespräch mit Dr. med. Ruedi Schweizer, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Allgemeine Innere Medizin, erfahren wir, wie Burnout entsteht, welche Warnsignale frühzeitig erkannt werden können und wie Betroffene Unterstützung finden.
Themen im Überblick
- Burnout verstehen: Definition und Entstehung
- Burnout, Stress oder Depression?
- Warnsignale früh erkennen
- Ursachen und Risikofaktoren
- Wann professionelle Unterstützung sinnvoll ist
- Prävention: Burnout wirksam vorbeugen
- Therapie bei Burnout
- Burnout im gesellschaftlichen Wandel
- Besonders gefährdete Berufsgruppen
- Was Arbeitgeber zur Prävention beitragen können
Dr. Schweizer, was genau versteht man unter Burnout beziehungsweise wie entsteht es?
In der Psychiatrie und Psychotherapie verstehen wir Burnout als ein Risikoprozess und weniger als eigentliche Diagnose. Der Begriff fehlt im gegenwärtigen Diagnoseschlüssel der WHO und im zukünftigen wird er nur als Zusatzfaktor eingeführt. Tatsächlich besteht der eigentliche Krankheitswert meist darin, dass sich im Rahmen der Burnout-Dynamik eine eigentliche syndromale Diagnose wie eine Angststörung, eine Depression oder auch eine Suchterkrankung entwickeln kann. Burnout wurde als Begriff vom deutsch-amerikanischen Psychoanalytiker Freudenberger geprägt und später von Frau Prof. Maslach besser konzeptionalisiert. Gemäss ihrer Definition manifestiert sich das Burnout in drei Bereichen: Die emotionale Erschöpfung, das Nachlassen der Leistungsfähigkeit (aus Sicht des Betroffenen, nicht zwingend aus Sicht des Arbeitgebers) und eine innere, emotionale Distanzierung von der Arbeit. Der Burnout-Prozess steht definitionsgemäss im Zusammenhang mit Arbeit. Dies wurde jedoch heftig diskutiert. Beispielsweise bei der Frage, ob Burnout eine Berufskrankheit sei (und damit die Unfallversicherungen für die Folgekosten aufkommen müssten) oder ob auch Eltern oder Pflegende ein Burnout entwickeln können. Begriffe wie «parental burnout» oder «caregiver burnout» zeugen davon, dass diese Abgrenzung nicht immer einfach ist. Dennoch ist in der neueren Definition der WHO die Erwerbsarbeit gemeint. Wohl auch, um die ohnehin schon strapazierte und teilweise inflationär gebrauchte Begrifflichkeit des Burnouts nicht weiter zu verwässern.
Unser Experte und Interviewpartner
Dr. med. Ruedi Schweizer
Ärztlicher Leiter, Zentrum für psychische Gesundheit
Zentrum für psychische Gesundheit
Privatklinik Hohenegg | Spital Zollikerberg
Trichtenhauserstrasse 12
8125 Zollikerberg
Wie unterscheidet sich Burnout von einer Depression, normalem Stress und Erschöpfung? Welche Anzeichen sollten ernst genommen werden?
Am Anfang des Burnouts als dynamischem Prozess steht Stress. In der Psychologie versteht man unter Stress das subjektive Feststellen eines Ungleichgewichts zwischen Belastungsfaktoren («Stressoren») und den zur Bewältigung notwendigen Ressourcen. Bei Burnout wird Stress chronisch und ungünstig («dysfunktional») bewältigt. Zum Beispiel durch den Versuch, die eigene Leistung noch weiter zu steigern, statt diese bewusster zu regulieren oder durch den Konsum beruhigender Substanzen wie Alkohol am Abend. Neben psychischen Stresssymptomen wie Gereiztheit, emotionaler Abgestumpftheit oder einer Neigung zu Zynismus treten früh auch körperliche Symptome wie Erschöpfbarkeit, Schlafstörungen, innere Unruhe, Appetitmangel (oder Essattacken). Häufig werden diese Symptome von den Betroffenen erst im Nachhinein als Erstmanifestation ihrer Erschöpfungskrankheit erkannt. Hier gilt es also, Körpersignale frühzeitig ernst zu nehmen. Dreht sich die «Spirale» weiter, kann sich im Verlauf eine eigentliche psychische Störung entwickeln, meist eine Depression. Eine solche definieren wir anhand bestimmter Symptome, die während eines bestimmten Zeitraums vorhanden sein müssen.
Welche Faktoren begünstigen die Entwicklung eines Burnouts?
Einerseits begünstigen äussere Faktoren am Arbeitsplatz Erschöpfungszustände: Arbeitsplatzkonflikte, fehlender Handlungsspielraum mit wenig Mitspracherecht, eine ungünstige «Passung» zwischen dem Arbeitsplatz und den Mitarbeitenden sowie fehlende Wertschätzung sind nachgewiesene Risikofaktoren. Historisch ist auch die Verlagerung von körperlicher Arbeit zu geistiger Arbeit bedeutsam. Früher waren arbeitsbezogene Gesundheitsprobleme weitgehend körperlicher Natur, etwa Rücken- oder Gelenkprobleme. Heute gewinnen Burnout und die damit verbundenen psychischen Erkrankungen zunehmend an Bedeutung. Auch der Produktivitätsdruck hat sich verstärkt: Von 2004 bis 2022 erhöhte sich das Bruttoinlandprodukt pro geleistete Arbeitsstunde um 25 Prozent.
Daneben spielen auch innere Risikofaktoren eine wichtige Rolle. Namentlich gewisse Persönlichkeitsfaktoren wie Perfektionismus, ein hoher Selbstanspruch oder die biografische Erfahrung, nur durch Leistung gelobt und geliebt zu werden, gehen mit einer höheren Wahrscheinlichkeit einher, in eine Burnout-Dynamik zu geraten. Wir sprechen hier von sogenannten «Stressverstärkern».
Wann ist es ratsam, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen?
Das ist einerseits individuell verschieden. Vielleicht hat jemand ein tragendes soziales Umfeld und benötigt nicht zwingend professionelle Unterstützung, andere wiederum kommen früh und machen sich Sorgen über ihre Entwicklung. Natürlich empfehlen wir, immer dann Hilfe in Anspruch zu nehmen, wenn der Leidensdruck gross ist und das Gefühl aufkommt, nicht mehr weiterzukommen. Das Problem hierbei besteht darin, dass gerade Burnout-Patientinnen und -Patienten häufig das Gefühl haben, es selbst schaffen zu müssen und deshalb meist zu spät Hilfe aufsuchen. Insofern lautet die richtige Antwort wohl: lieber zu früh als zu spät. Wichtig sind auch Rückmeldungen aus dem sozialen Umfeld. Wenn Freunde oder Angehörige ihre Sorge über den Gesundheitszustand äussern, sollte man dies ernst nehmen. Relativ häufig sind die Selbstwahrnehmung und die Selbsteinschätzung in der Burnout-Dynamik gewissermassen eingeschränkt.
Gerne würde ich noch über präventive Massnahmen sprechen. Welche Strategien helfen Betroffene, ein Burnout zu verhindern?
Diese Empfehlungen stehen im Zusammenhang mit den oben erwähnten Risikofaktoren. Einerseits geht es also um die Ausgestaltung der Arbeitssituation. Dies betrifft sowohl Vorgesetzte als auch – im Sinne des «Speaking-up» und der Verantwortungsübernahme – die Arbeitnehmenden selbst. Für diese ist es wichtig, die eigenen Risikofaktoren für eine Burnout-Entwicklung gut zu kennen. Nur so ist es möglich, bei sich selbst frühe Warnzeichen zu erkennen, zum Beispiel Schlafstörungen oder Gereiztheit.
Nachgewiesenermassen hilfreich ist auch ein gutes Gleichgewicht zwischen den «Life Domains», also den verschiedenen Lebensbereichen wie Familie, Paarbeziehung, Freizeitbeschäftigung, Freundeskreis, Sport und Arbeit. Eine isolierte Fokussierung auf nur einen dieser Bereiche ist potenziell ungünstig. Diese «Life-Domain-Balance» scheint mir der passendere Begriff zu sein als die viel zitierte «Work-Life-Balance». Schliesslich sind die Fähigkeit zu echter Selbstfürsorge, Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit gegenüber sich selbst sowie die aktive Pflege von Beziehungen von zentraler Bedeutung.
Welche Therapiemöglichkeiten gibt es am Zentrum für psychische Gesundheit?
Durch die enge Kooperation unseres Zentrums mit der Gesundheitswelt Zollikerberg behandeln wir überwiegend Betroffene, die uns vom Spital Zollikerberg zugewiesen wurden, sowie Bewohnende der Gesundheitswelt. Unsere Patientinnen und Patienten suchen uns häufig aufgrund einer arbeitsbezogenen Stresssituation auf, gelegentlich bereits vor der Entwicklung einer eigentlichen psychischen Störung, was wir im Sinne der Vorbeugung grundsätzlich begrüssen. Oftmals sind die Symptome jedoch bereits fortgeschritten, und es braucht eine spezifische Therapie. Diese umfasst primär psychotherapeutische Verfahren. Medikamente können gegebenenfalls unterstützend eingesetzt werden, zum Beispiel zur Behandlung von Schlafstörungen. Wird vorübergehend eine intensivere Behandlung gewünscht oder ist eine solche erforderlich, bietet die Privatklinik Hohenegg mit ihrem Schwerpunkt «Burnout und Belastungskrise» ein passendes stationäres Angebot an. Dafür besteht ein Leistungsauftrag des Kantons.
Hat sich die Wahrnehmung von Burnout in den letzten Jahren verändert?
Ich nehme grundsätzlich eine erhöhte Sensibilität für psychische Themen wahr, möglicherweise auch infolge der Corona-Pandemie. Auch der Begriff «Burnout» hat sich in der Alltagssprache mittlerweile durchgesetzt und wird meines Erachtens bisweilen fast inflationär verwendet. Er scheint weniger stigmatisierend zu sein als beispielsweise der Begriff «Depression». Das führt dazu, dass offener über psychisches Leiden gesprochen wird, was grundsätzlich zu begrüssen ist. Der Nachteil ist jedoch, dass Menschen mit einer eigentlichen Depression – und das sind letztlich die meisten unserer Burnoutpatientinnen und -patienten – noch stärker stigmatisiert werden könnten. Burnout wird gewissermassen als «Nebenwirkung» einer ausserordentlichen Leistungsbereitschaft von der Gesellschaft anerkannt, während eine Depression fälschlicherweise noch immer als mangelnde Willenskraft verstanden wird.
Gibt es Berufsgruppen oder Lebenssituationen, die besonders anfällig sind?
Traditionellerweise werden insbesondere Lehrpersonen, Fachpersonen in sozialen Berufen und – wichtig – Beschäftigte im Gesundheitswesen genannt. Solche Daten sind jedoch auch etwas problematisch. Grundsätzlich können nämlich in allen Berufssparten Burnout-Dynamiken entstehen, gerade weil neben der äusseren Situation – also der Arbeit – auch individuelle Faktoren der betroffenen Person bei der Entstehung eine Rolle spielen. Die Schlussfolgerung, das Gesundheitswesen sei eine problematische Branche, in der besonders viele Burnouts entstünden, greift sicher zu kurz. Dennoch gilt es natürlich, genau hinzuschauen und daraus zu lernen, welche Faktoren wichtig sind, damit Burnout gar nicht oder zumindest seltener entsteht.
Wie kann das Arbeitsumfeld so gestaltet werden, dass Stress reduziert und Burnout vorgebeugt wird?
Bei der Arbeit helfen ein wohlwollendes, förderndes und wertschätzendes Verhalten der Vorgesetzten sowie die Möglichkeit, Arbeitsprozesse oder -methoden im eigenen Bereich mitzugestalten. Arbeitskonflikte sollten proaktiv angegangen und nicht einfach «ausgesessen» werden. Zudem sollte ein psychologisch sicheres Arbeitsumfeld geschaffen werden. Psychologische Sicherheit («Psychological Safety») bedeutet, dass ein Arbeitsklima geschaffen wird, in dem Arbeitnehmende angstfrei ihre Anliegen oder Ideen äussern, ihre Grenzen benennen dürfen und konstruktiv mit Fehlern umgegangen wird. Solche Teams sind nachgewiesenermassen erfolgreicher. Zudem hat sich gezeigt, dass fehlende «Psychological Safety» einer der wichtigsten Vorhersagefaktoren für die Burnout-Häufigkeit von Mitarbeitenden ist.
Zentrum für psychische Gesundheit
Gemeinsam Kraft und Perspektive finden
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