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Ratgeber

Brustkrebs: «Je früher wir einen Tumor entdecken, desto besser können wir ihn behandeln»

Dr. med. Teelke Beck

Dr. med. Teelke Beck

8. Oktober 2026

lesezeit

10 min

Welche Veränderungen der Brust sollten Frauen abklären lassen? Wann ist Früherkennung sinnvoll und wie individuell lässt sich Brustkrebs heute behandeln? Dr. med. Teelke Beck, Leitende Ärztin am Brustzentrum Zollikerberg, beantwortet die wichtigsten Fragen zu Brustkrebs – von Risikofaktoren und Früherkennung über moderne Therapien bis zur Komplementärmedizin.

Welche Veränderungen an der Brust sollten Frauen ernst nehmen und ärztlich abklären lassen?

Eine neu aufgetretene Veränderung der Brust, die nicht von alleine wieder verschwindet oder deren Ursache unklar ist, sollte ärztlich abgeklärt werden.

Das kann ein neuer Knoten oder eine Verhärtung sein, aber auch eine Einziehung der Haut oder der Brustwarze, eine Veränderung der Brustform, eine Rötung oder Schwellung oder eine Flüssigkeitsabsonderung aus der Brustwarze – insbesondere, wenn diese blutig ist.

Ich finde es deshalb wichtig, dass Frauen ihre Brust kennen: Wie sieht sie normalerweise aus, wie fühlt sie sich an? So fallen Veränderungen häufig frühzeitig auf.

Gleichzeitig möchte ich beruhigen: Die allermeisten Veränderungen der Brust sind gutartig. Trotzdem sollte man etwas Neues lieber einmal zu viel als einmal zu wenig anschauen lassen.

Viele Frauen sind unsicher, wann sie mit der Früherkennung beginnen sollten. Was empfehlen Sie?

Bei Frauen mit einem durchschnittlichen Brustkrebsrisiko ist ab 50 Jahren die Mammografie die wichtigste Früherkennungsuntersuchung.

Vorher gibt es für Frauen ohne besonderes Risiko keine generelle Mammografie-Früherkennung. Wenn jedoch Beschwerden auftreten oder ein erhöhtes Risiko besteht, untersuchen wir unabhängig vom Alter.

Je nach Situation können dann eine Mammografie, ein Ultraschall und bei Frauen mit sehr hohem Risiko und sehr dichtem Drüsengewebe auch eine Magnetresonanztomografie (MRT) sinnvoll sein.

Wichtig ist: Die Untersuchung richtet sich nach Alter, Brustgewebe, Beschwerden und individuellem Risiko.

Welche Frauen haben ein erhöhtes Brustkrebsrisiko – und welche Rolle spielt die Familie?

Der wichtigste Risikofaktor ist zunächst das Alter. Daneben spielen unter anderem die familiäre Belastung, bestimmte genetische Veränderungen, eine hohe Brustdichte und einige Vorerkrankungen der Brust eine Rolle.

An eine erbliche Belastung denken wir beispielsweise, wenn bei mehreren nahen Angehörigen Brust- oder Eierstockkrebs aufgetreten ist, bei Erkrankungen in sehr jungem Alter – etwa vor dem 40. Lebensjahr –, bei beidseitigem Brustkrebs oder wenn ein Mann an Brustkrebs erkrankt ist.

Dann kann eine genetische Beratung sinnvoll sein. Heute betrachten wir dabei nicht nur BRCA1 und BRCA2, sondern eine ganze Reihe weiterer Gene. Bei Frauen mit deutlich erhöhtem Risiko erstellen wir ein individuelles Früherkennungskonzept. Die Untersuchungen beginnen häufig früher und erfolgen engmaschiger.

Gerade im Oktober, dem Brustkrebsmonat, ist das Thema besonders präsent. Dadurch kann der Eindruck entstehen, Brustkrebs habe häufig eine genetische Ursache. Tatsächlich haben jedoch rund 70 Prozent aller Erkrankungen keinen erblichen Hintergrund.

Was können Frauen selbst tun, um ihr Brustkrebsrisiko zu reduzieren?

Brustkrebs lässt sich leider nicht zuverlässig verhindern. Mit einem gesunden Lebensstil können wir das Risiko aber durchaus positiv beeinflussen.

Sehr gut belegt sind regelmässige körperliche Bewegung – dafür braucht es keinen Leistungssport – und ein normales Körpergewicht, insbesondere nach den Wechseljahren. Beim Alkohol gilt: Je weniger, desto besser. Nichtrauchen sowie eine abwechslungsreiche, pflanzenbetonte und möglichst wenig verarbeitete Ernährung ergänzen einen gesunden Lebensstil.

Dabei geht es weder um Perfektion noch um einzelne sogenannte «Anti-Krebs-Lebensmittel» – diese gibt es so nicht. Entscheidend ist vielmehr, über Jahre einen möglichst gesunden Lebensstil zu pflegen.

Was möchten Sie Frauen sagen, die aus Angst vor einem möglichen Befund eine Untersuchung immer wieder aufschieben?

Ich erlebe das immer wieder und kann diese Angst sehr gut verstehen.

Aber die Untersuchung verursacht die Erkrankung nicht – sie kann sie nur entdecken. Und gerade bei Brustkrebs gilt: Je früher wir einen Tumor entdecken, desto besser und oftmals auch schonender können wir ihn behandeln.

Deshalb sollte man mit der Angst nicht allein bleiben. Lieber darüber sprechen und Klarheit bekommen, als monatelang mit einer belastenden Unsicherheit zu leben. Ich höre von Patientinnen immer wieder: «Hätte ich das doch schon früher gemacht.» Die Unsicherheit im Vorfeld wird dabei häufig als besonders belastend empfunden.

Brustkrebs ist nicht gleich Brustkrebs. Was bedeutet das heute für die Behandlung?

Das ist eine sehr wichtige Frage. Brustkrebs ist nicht bei jeder Frau gleich. Es gibt biologisch sehr unterschiedliche Tumoren.

Deshalb ist es bei Verdacht auf Brustkrebs enorm wichtig, eine Gewebeprobe zu entnehmen. Sie bestätigt nicht nur die Diagnose, sondern zeigt uns auch wichtige Eigenschaften des Tumors. So können wir die Therapie von Anfang an auf die jeweilige Tumorbiologie abstimmen und individuell behandeln. Die Sorge, eine Gewebeprobe könne den Tumor «verrückt machen» und dazu führen, dass er streut, ist unbegründet.

Wir untersuchen beispielsweise, ob ein Tumor hormonabhängig oder HER2-positiv ist und welche weiteren biologischen Eigenschaften er besitzt. Danach richtet sich die Behandlung. Manche Frauen benötigen eine Operation, Bestrahlung und antihormonelle Therapie. Bei anderen kommen zusätzlich eine Chemotherapie, Antikörper- und/oder Immuntherapie oder andere zielgerichtete Medikamente zum Einsatz.

Wir behandeln also nicht einfach «Brustkrebs», sondern berücksichtigen die individuelle Biologie des Tumors und die Situation der betroffenen Frau.

Muss bei Brustkrebs heute immer die ganze Brust entfernt werden?

Nein. Bei den meisten Patientinnen – etwa 70 Prozent – können wir heute brusterhaltend operieren.

Auch die Operation der Achsel ist deutlich schonender geworden. Früher wurden häufig viele Lymphknoten entfernt. Heute können wir in vielen Situationen wesentlich gezielter vorgehen oder teilweise ganz auf eine Entfernung verzichten, ohne die Sicherheit zu beeinträchtigen.

Das Prinzip der modernen Brustkrebstherapie lautet: so viel Therapie wie nötig, aber so wenig Belastung wie möglich. Trotzdem bleibt die Behandlung für manche Frauen eine grosse Herausforderung. Mir ist deshalb besonders wichtig, dass die Patientinnen vor, während und nach der Therapie gut begleitet werden.

Braucht jede Frau mit Brustkrebs eine Chemotherapie?

Nein. Ob eine Chemotherapie sinnvoll ist, hängt sehr stark von der Biologie des Tumors, vom Alter der Frau und vom Rückfallrisiko ab.

Bei vielen hormonabhängigen Tumoren können wir heute auf eine Chemotherapie verzichten. In bestimmten Situationen helfen uns dabei auch molekulare Tests. Bei anderen Tumorformen – zum Beispiel HER2-positiven oder triple-negativen Tumoren – ist eine Chemotherapie dagegen sehr wichtig und wird häufig bereits vor der Operation eingesetzt.

Die Entscheidung ist heute wesentlich individueller als früher.

Was hat sich in der Brustkrebstherapie in den letzten Jahren besonders verändert?

Enorm viel. Wir haben heute wesentlich mehr zielgerichtete Behandlungsmöglichkeiten. Dazu gehören moderne HER2-gerichtete Therapien, neue Medikamente bei hormonabhängigem Brustkrebs, Immuntherapien bei bestimmten triple-negativen Tumoren oder PARP-Inhibitoren bei bestimmten erblichen Veränderungen.

Ausserdem behandeln wir Patientinnen heute teilweise bereits vor der Operation. Dadurch sehen wir, wie der Tumor auf die Therapie anspricht, und können die weitere Behandlung noch genauer darauf abstimmen. In einigen Fällen wird dadurch anstelle einer Brustentfernung eine brusterhaltende Operation möglich.

Die Brustkrebstherapie wird damit immer präziser und individueller.

Viele Patientinnen interessieren sich für Komplementärmedizin. Welche Rolle kann sie bei Brustkrebs spielen?

Für mich ist sie ein wichtiger Bestandteil einer integrativen Therapie.

Dabei ist es wichtig, zwischen komplementärer und alternativer Medizin zu unterscheiden. Komplementärmedizin bedeutet, dass wir sinnvolle und möglichst wissenschaftlich untersuchte Verfahren begleitend zur wirksamen onkologischen Therapie einsetzen – und nicht an deren Stelle.

Dazu können beispielsweise Bewegung, Akupunktur, Yoga, Entspannungs- und Achtsamkeitsverfahren, anthroposophische und pflanzliche Therapien, orthomolekulare Substanzen, Ernährungsberatung oder – je nach individueller Situation – weitere integrativmedizinische Methoden gehören. Für verschiedene Beschwerden wie Fatigue, Schlafstörungen, Hitzewallungen oder Gelenkbeschwerden gibt es inzwischen wissenschaftliche Evidenz für bestimmte komplementäre Verfahren.

Auch andere Methoden werden von Patientinnen häufig nachgefragt. Hier ist mir besonders wichtig, genau hinzuschauen: Was ist sinnvoll und wissenschaftlich belegt? Was kann Nebenwirkungen lindern? Und wo bestehen möglicherweise Wechselwirkungen mit der Krebstherapie, die deren Wirkung beeinträchtigen könnten? Gerade Nahrungsergänzungsmittel oder pflanzliche Präparate sollte man deshalb nicht auf eigene Faust einnehmen.

Mein Bestreben seit vielen Jahren ist eine integrative Medizin: die onkologische Therapie bestmöglich durchzuführen und gleichzeitig den Menschen mit den Möglichkeiten der Komplementärmedizin als Ganzes zu unterstützen. Dabei geht es darum, Lebensqualität, innere Kraft und Selbstwirksamkeit bestmöglich zu erhalten und zu stärken. Für mich ist es kein Entweder-oder, sondern die sinnvolle Verbindung beider Welten.

Individuelle Begleitung bei Brustkrebs

Brustzentrum Zollikerberg

Im Brustzentrum Zollikerberg begleiten wir Sie von der Abklärung und Diagnose über die individuelle Behandlung bis zur Nachsorge. Dabei verbinden wir medizinische Kompetenz mit persönlicher Betreuung und einer engen Begleitung während des gesamten Behandlungswegs.

Portraitfoto

Dr. med. Teelke Beck

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